Ich verstehe nur Bahnhof – Mein Blick auf Deutschland

In unserer neuen Reihe “Mein Blick auf Deutschland” berichten uns Clubbesucher*innen, wie sie ihre neue Heimat wahrnehmen. Den Anfang macht Dylan aus Tadschikistan. 

  1. Dylan, du bist seit Herbst 2018 in Deutschland. Hattest du vor deiner Einreise in Deutschland irgendwelche Klischees im Kopf? Und was davon hast du tatsächlich am eigenen Leib erlebt?
    Was ich über Deutschland und dessen Bewohner*innen vor meiner Einreise gehört habe, war:

    Die Deutschen seien sehr pünktlich. 
    Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, das stimmt schon. Natürlich es gibt immer Ausnahmen und ich würde es vll. eher so  ausdrücken, dass die Deutschen vielleicht mehr Wert auf ihre Zeit legen als die (meisten) Tadschik*innen. Ich war aber am Anfang –  und bin immer noch –  total irritiert, als manche mir gesagt haben, dass ich zu spät sei wegen 2 bis 5 Minuten. Das fand ich schon übertrieben.  Und  diese Aussagen kamen nicht nur von meinen Arbeitgebern, sondern auch von Bekannten während unserer Freizeit. Es ist für mich persönlich schwer zu verstehen, da die genaue Uhrzeit für mich nicht so eine große Bedeutung hat, besonders wenn es um Minuten geht und nicht um Stunden. z.B. 16:20 heißt für mich:  “Es ist 16 Uhr”.  16:40 heißt für mich:  “Es ist 17 Uhr”. Ich bin es gewohnt, die Uhrzeit aufzurunden, da es so in meiner Familie und Umgebung in Tadschikistan „normal“ war.  Mittlerweile gucke ich trotzdem viel öfters auf die Uhr und versuche immer überall pünktlich zu sein. Ich versuche einfach, mich in Deutschland zu integrieren und Rücksicht auf andere zu nehmen, denen Pünktlichkeit wichtig ist. Ich hoffe aber, ich werde mich nie über ein paar Minuten Verspätung von anderen ärgern. 

    Die Straßen in Deutschland seien so sauber, dass man wochenlang die Schuhe nicht putzen müsse. 
    Dem stimme ich auch zu. Es ist nämlich ziemlich viel staubiger in Tadschikistan und ich persönlich musste immer nach 30 Minuten  schon meine Schuhe vom Staub säubern. Doch in Deutschland mache ich es nur nach Bedarf – und eher vom Matsch und Schmutz als vom Staub. 

    Im öffentlichen Verkehr solle man nicht reden oder laut telefonieren.
    Früher dachte ich, dass im öffentlichen Verkehr zu reden verboten sei.  Doch jetzt weiß ich, dass es einfach eine gesellschaftliche Regel ist und es einfach nervig sein kann. Ich merke schon, dass viele irritiert werden – ich manchmal auch – wenn jemand im öffentlichen Verkehr laut redet oder telefoniert. Auch hier sollte man  einfach Rücksicht auf anderen nehmen, finde ich.
  1. Was ist Deine erste Erinnerung an Deutschland?
    Ich erinnere mich ganz deutlich daran, wie ich auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause aus dem Fenster des Autos geschaut habe und die riesigen Windräder gesehen habe. Für jemanden wie mich, der nie etwas höheres als ein 20-stöckiges Gebäude gesehen hat, war das etwas Faszinierendes. Dazu kam noch ein klarer blauer Himmel mit riesigen Waldflächen bestehend aus bzw. hohen, schmalen Bäumen. Eine flache grüne Landschaft ohne hohe Berge im Hintergrund. Alles das, was man in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan normalerweise nicht sehen kann. ich glaube, diesen ersten Anblick der Windräder werde ich nie vergessen.
  1. Was gefällt Dir momentan in Deutschland, von der Natur, Kultur und Lebensweise her? Was findest du eher nervig? 
    Mir gefällt, wie vielfältig man seine Freizeit in Deutschland verbringen kann. Es gibt zahlreiche Museen, Sportangebote, Clubs, Bars, Restaurants, Ausstellungen. 
    Mir gefällt, wie vielfältig man hier hobbymäßig Sport treiben kann, wie Schwimmen, Radfahren, Wandern, Schlittschuhlaufen, Skateboarden, Inlineskaten und viel, viel mehr.
    Mir gefällt vielfältiges und internationales Essen bzw. Restaurants, die man hier finden kann.
    Mir gefällt, wie tolerant oder open-minded viele sind, was sexuelle Orientierung, Religion oder Herkunft angeht. Zumindest im Vergleich zu Tadschikistan ist der Unterschied enorm.  

    Aber mir gefällt nicht, dass viele sich gefühlt ständig am Beschweren sind. Ich sage nicht, dass man sich in Tadschikistan nie beschwert. Aber die Häufigkeit an Beschwerden und der Mangel an  Dankbarkeit hier in Deutschland ist mir ehrlich gesagt neu. 
  1. Woran musstest Du dich in Deutschland erst gewöhnen?
    An das Essen. Obst und Gemüse haben hier deutlich weniger Geschmack als in Tadschikistan. 
  1. Hast Du schon mal hier in Deutschland interkulturelle Missverständnisse erlebt?
    Ja, auf jeden Fall. In Tadschikistan gilt es als unhöflich, wenn man lange Augenkontakt hält, als Frau den Männern Hand gibt oder laut jemanden begrüßt. Daher gab es hier Missverständnisse, wenn ich beim Reden ständig weggeguckt habe oder keinen Augenkontakt gehalten habe. Viele haben gedacht, dass ich an diesem Gespräch nicht interessiert war oder dass ich unhöflich bin, oder vielleicht, dass ich mich für etwas Besseres halte. Mit der  lauten und klaren  Begrüßung habe ich immer noch Probleme. Das gibt vielen immer noch den Eindruck, dass ich unhöflich bin. Einen festen Händedruck zu geben war ich natürlich auch nicht gewohnt, aber damit habe ich keine allzu große Schwierigkeiten gehabt. 
  1. Hast du eine Lieblingsredewendung oder Phrase auf Deutsch, die du lustig findest oder die dir besonders gefällt. 

    Ich verstehe nur Bahnhof“. Das war mein erster Spruch auf Deutsch, den ich gelernt habe.  Jedes Mal, wenn ich ihn höre, bringt es mich zurück zu der Zeit 2017-2018, als ich angefangen habe, die deutsche Sprache zu lernen. 

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