Wie ein Messerstich ins Herz – Wieso ich meine „Heimat” verlassen habe

Von Ozoda P.*

Tadschikistan – ein bergiges Land in Zentralasien. Mit wunderbarer Landschaft, zahlreichen Seen, unverarbeiteten Lebensmittel, schönem warmen Wetter, leckerem Essen, interessanter und vielfältiger Kultur und vielem mehr. Doch leider gibt es auch Schattenseiten. Tadschikistan ist ein sehr traditionelles und konservatives Land. Es gibt ein bestimmtes Muster, was für ein Mensch man sein muss. Wenn man mit diesem Muster nicht zusammenpasst, dann ist man dort nirgends willkommen.

Genau das war bei mir der Fall. Dass die Hauptreligion in Tadschikistan der Islam ist, bringt noch mehr Verhaltensregeln und Anforderungen an Geschlechterrollen mit sich. Aus meiner Sicht ist dabei vor allem der Punkt „Gleichberechtigung der Geschlechter“ ein Problem. Genau das war einer der Gründe, wieso ich mich in Tadschikistan nie zu Hause gefühlt habe. Es gibt keine Gleichberechtigung. Es hat mich immer aufgeregt, dass meine Brüdern, meine Cousins, einfach Jungs, mehr machen durften und einfach mehr Freiheit hatten, als ich, nur weil ich ein Mädchen war. Menschen haben immer erst mein Geschlecht gesehen und nicht das, was ich im Kopf hatte. Und ich fand es zum Kotzen, dass ich als Frau auf eine bestimmte Art und Weise aufstehen, mich hinsetzen, laufen, essen, mich anziehen, reden usw. musste. Denn nach der Einstellung vieler Menschen in Tadschikistan muss eine Frau sich „fraulich“ verhalten. Ich hingegen war ein Tomboy, ein Mädchen, das sich so verhält, wie es in der Gesellschaft gemeinhin eher von Jungs erwartet wird. Somit war es für mich die Hölle, in dieser Gesellschaft aufzuwachsen. Ich durfte nicht Sport treiben, weil das eine „männliche“ Sache war. Ich durfte keine kurzen Haare haben, weil das „männlich“ aussehen würde. Ich musste kochen, backen, aufräumen können, weil das alles Frauensache ist. Es ist nicht so, dass ich es jetzt bereue backen und kochen zu können. Ich liebe es. Doch nicht weil ich eine Frau bin, sondern weil es mir einfach gefällt. Und dieser Satz „Du bist doch ein Mädchen!“ oder „…weil du ein Mädchen bist!“ war immer wie ein scharfer Messerstich genau in mein Herzen. 

Hier kommen wir gleich zum nächsten Punkt, weshalb ich mich in Tadschikistan fehl am Platz gefühlt habe: meine Gender-Identität und Sexualität. Ich identifiziere mich als non – binär, also weder als Frau noch als Mann. Und ich bin pansexuell. Das heißt, es ist mir egal, welches Geschlecht die Person hat, zu der ich mich emotional und sexuell hingezogen fühle. Und jetzt müssen wir uns meine Familie vorstellen, die denkt dass ich irgendwann (je früher, desto besser für sie) einen Mann, den natürlich meine Familie für mich auswählt, heirate, viele Kinder bekomme, mich „fraulich” anziehe usw. Also mit anderen Worten: es gibt in Tadschikistan nur zwei Geschlechter, Mann oder Frau. Und nur eine Form der Sexualität: Heterosexualität. Alles andere ist‚ gegen Gottes Willen‘ und kann zu gesellschaftlicher Ausgrenzung, Verfolgung und eventuell sogar zum Tod führen. Ich musste mit homophoben Kommentare meiner Familie aufwachsen, wenn sie irgendetwas „schwules” im Fernseher gesehen haben z.B. Genau so ist mir klar geworden, dass ich nicht „normal” bin und dass ich in meiner eigene Familie und Land nicht willkommen bin; dass ich da nie ein freies und sicheres Leben führen kann. Ein Leben bei dem ich einfach ohne Angst mein wahres Gesicht und Gefühle zeigen kann, mich Zuhause und akzeptiert fühlen kann, mich einfach in egal welches Geschlecht verlieben kann usw. Fast 22 Jahre meines Lebens musste ich unter einer Maske leben, als ob ich ein Verbrecher wäre, der sich immer verstecken muss. Ich habe erst hier in Deutschland angefangen zu lernen ohne Angst zum ersten Mal mein wahres Ich zu zeigen. Das hat eine Zeit lang gedauert, aber wie man sagt, lieber spät als nie.

Ein weiterer Grund ist meine Freiheit als Mensch. Ich meine damit das Recht, selbst entscheiden zu dürfen wann, wen, wo, mit wie vielen und welchen Gästen ich heiraten will. Ich möchte nicht mit 18 jemanden heiraten, den meine Familie für mich ausgewählt hat. Mit 22 habe ich die Heiratsgrenze für Frauen eigentlich eh schon überschritten ☺. Ich hätte bis 21 heiraten müssen, aber stattdessen bin ich ins Ausland ausgewandert. Ich möchte auch selbst entscheiden, welchen Beruf ich ausüben will. Ich hab drei Studiengänge in meinem Land abgebrochen, weil meine Familie mich  dazu gezwungen hatte, diese Fächer zu studieren. Ich möchte selbst entscheiden was ich esse, anziehe und wohin ich gehe. Also mit anderen Worten: Freiheit halt. Meine Familie hat früher jeden meiner Schritte, also wirklich JEDEN Schritt kontrolliert. Wann ich aus dem Hause gehen darf und wann nicht, wohin ich gehen soll und wohin nicht, wie viele Stunden ich wegbleiben darf, mit wem, warum, wann ich zurückkommen soll, was ich essen und trinken soll und nicht, und und und. Als ich in Deutschland zum ersten Mal einkaufen gegangen bin, war ich sooo froh das zu kaufen, was ich wirklich anziehen wollte. Ganz normale, selbstverständliche und alltägliche Sachen für viele, ein Traum für andere!

Grund Nummer vier: Es herrscht in Tadschikistan Diktatur und Korruption, die zu Armut und einem niedrigen Ausbildungsniveau der Bevölkerung geführt haben. Wegen der Armut und Arbeitslosigkeit müssen jährlich tausende Männer als Gastarbeiter ins Ausland wandern, meist nach Russland, und unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Während die Männer weg sind, müssen Kinder arbeiten und Geld heimbringen, um ihrer Mutter irgendwie zu helfen. Ich und ein paar meiner Geschwister sind geboren, als mein Vater in Russland war. Meine Brüder mussten nach der Schule arbeiten um meiner Mutter zu helfen. Meine Mutter musste fast alles was sie im Haus hatte, verkaufen, sodass sie mir und meinen Geschwistern was zu Essen geben konnte. Besonders nach dem Bürgerkrieg in 1991 hat sich die Lebensqualität der Tadschiken drastisch verschlechtert. Die Armut und die schlechten Lebensbedingungen waren weitere Gründe für mich, um Tadschikistan zu verlassen. Wofür soll ich mein ganzes Leben in Tadschikistan arbeiten, wenn die Regierung die Tadschiken nicht schützt und ihnen keine Sicherheit in Notsituationen gibt, z.B. wenn man krank, alt, behindert, arbeitslos ist oder wird. Es gibt kein Versicherungssystem in Tadschikistan. Wer dort in Not ist, hat nur sich selbst und seine Familie, die, seien wir ehrlich, nicht immer da ist, wenn man Hilfe braucht. 

Zusammengefasst gesagt: meine Lebensziele sind mir wichtig. Ich möchte gern die Welt bereisen, Menschen helfen und mein Leben in Freiheit genießen. Frei und unabhängig sein. Und seien wir ehrlich, dass ist viel leichter, besonders für eine Frau, in einem Land wie Deutschland zu erreichen, als in einem wie Tadschikistan, wo Frauen nicht mal entscheiden können was sie tragen wollen. In Tadschikistan mussten erst meine Brüder und dann meine Eltern mir alles, was ich mir vorgenommen hatte, erlauben. Und ich musste mich an ihre Bedingungen halten. Also da war ich nicht frei, sondern habe jemandem gehört und musste gehorchen. Wie ein Sklave. So hab ich mich zumindest gefühlt. Hier fühle ich mich endlich frei.

P.S.: Es gibt zahlreiche Frauen, die in Tadschikistan ein glückliches Leben führen. Dieser Artikel ist meine subjektive Meinung und betrifft nur meinen Lebensweg.

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