Der Tag, an dem ich den deutschen Pass erhalten habe

Von Linh Nguyen

Endlich ist es soweit. Heute habe ich meinen deutschen Ausweis und meinen deutschen Reisepass geholt. Als ich mit der Einbürgerung vor anderthalb Jahren angefangen habe, habe ich mir diesen Tag viel euphorischer und schöner vorgestellt. Während des Einbürgerungsprozesses träumte ich immer wieder davon, eines Tages den bordeauxroten Pass in der Hand zu halten, endlich eine gleichwertige Mitbürgerin zu sein und endlich dazuzugehören. Dazu gehören? Kurz bevor diese lange Reise zu Ende geht, wurden auf einmal viele Wunden aufgerissen. Alte und neue. Ich weiß, dass ich trotz des deutschen Passes immer wieder gefragt werde, woher ich komme, ob ich Deutsch spreche und ob ich irgendwann zurück “in die Heimat” gehen möchte. An sich keine schlimmen Fragen. Ich erzähle auch mal gerne über mich, über mein Leben und über meine Herkunft. Allerdings nicht immer und nicht jedem. Viele geben sich aber das Recht, das von mir zu verlangen. Nicht alle meinen es nett. Und diese Fragen sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Ich weiß, dass ich in vielen Fällen nicht ernst genommen oder für weniger kompetent, weniger wert gehalten werde, weil ich ursprünglich woanders herkomme, und zwar nicht aus Schweden oder aus Kanada, sondern aus einem sogenannten “Entwicklungsland”. Ich weiß, es wird nie aufhören, dass Menschen mir das Gefühl geben, dass ich anders und fremd bin. Dabei möchte ich gar nicht, dass alle mich als eine Deutsche sehen, sondern nur als einen gleichwertigen, festen Bestandteil dieser Gesellschaft. Ich bin niemandem aber irgendwie auch allen Menschen böse … 

Meine Mutter rief mich an, um mir zu gratulieren. Sie ist glücklich, dass ich es endlich “geschafft” habe. Auf einmal bin ich unendlich traurig und etwas verbittert. Was habe ich denn “geschafft”? Dass ich endlich die Eintrittskarte für den privilegierten Club bekommen habe? Ab jetzt kann ich fast überall hinfahren ohne Problem, während meine Mutter nachweisen muss, was sie alles besitzt, wie viel Rente sie bekommt, wenn sie mich in Deutschland besuchen möchte. Damit man sicherstellen kann, dass sie dann nicht versucht, illegal in Deutschland zu bleiben. Ich muss wahrscheinlich nie wieder zur Ausländerbehörde, während meine Schwester alle zwei Jahre hingehen muss und dort  meistens wie ein Mensch 2. Klasse behandelt wird. 

Warum kriegen Bürger*innen bestimmter Länder mehr Privilegien als die anderen. Viele Sachen sind für bestimmte Gruppen Selbstverständlichkeit, für andere Gruppen ein ewiger Kampf. Bilden die Menschen sich dadurch deshalb ein, dass sie mehr wert bzw. minderwertiger als die anderen sind? Verursachen diese starre Struktur und dieses unfaire System nicht noch mehr Respektlosigkeit, Diskriminierung und Herablassung?

Ich hätte nie gedacht, dass ich an diesem Tag statt glücklich so betrübt sein würde. Immer wieder bin ich hin- und her gerissen. Bin ich denn zu kritisch und übersensibel geworden? Ich fühle mich in Deutschland zu Hause. Hier genieße ich in vollen Zügen die Freiheit, die ich in Vietnam nicht hatte, weit weg von vielen gesellschaftlichen Normen und dem teilweise noch konservativen Frauenbild. Ich habe mehr Zugang zu politischer Bildung und bekomme unterschiedliche Einblicke in die Weltpolitik. Feminismus, Gendergleichheit, Rassismus, Klassismus, Klimawandel und vieles mehr – mit all diesen Themen hatte ich mich entweder gar nicht beschäftigt oder konnte sie noch nicht auf einem abstrakten Ebene betrachten. Nicht nur mein Interesse für Politik habe ich hier entdeckt, sondern auch meine größte Leidenschaft, das Backen. Am allerschönsten ist es, meine liebsten Menschen gefunden zu haben, die mich so lieben, wie ich bin. Mein Leben ist doch sehr schön und erfüllend. Ich sollte einfach dankbar sein und mich doch nicht beschweren, denke ich ab und zu. Aber ist das nicht wieder das alte Muster? Habe ich nicht schon immer genug geschwiegen und so getan als ob, es wäre nichts. Von Migrant*innen werden Dankbarkeit und Anpassung erwartet. Einfach fleißig, freundlich und nicht auffallend sein. Genau davon möchte ich doch wegkommen. Denn Migrant*innen sollten als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden. Daher ist es ihr gutes Recht und auch mein gutes Recht, sich zu beschweren, sich aufzuregen und Verletzlichkeit zu zeigen. 

Ich bin jetzt offiziell Deutsche. Mir ist auf einmal klar, dass die deutsche Geschichte mit den dunklen Episoden wie Völkermord an Herero und Nama und der Holocaust auch ein Teil meiner Geschichte ist. Ich bekomme mehr Privilegien, mehr Rechte und auch mehr Verantwortung. Deutschland hat mich zu einer politischen Person gemacht. Das ist doch der beste Weg, ihm etwas zurückzugeben, in dem ich mich für den Kampf gegen Ignoranz und Ungerechtigkeit einsetze. Denn es geht nicht nur um mich, sondern um alle BPoC und Migrant*innen, die in Deutschland leben. Es geht um unsere gemeinsame Gesellschaft. Dieser Weg wird wahrscheinlich noch länger und schwieriger als der Einbürgerungsprozess. Und ich weiß nicht, ob ich genug Mut, Kraft und Ausdauer dafür habe. Aber ich weiß, dass Schweigen und Wegschauen nie der richtige Ansatz ist. Dieser Text mag ein Anfang sein.

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