Ich bin Teil der Geschichte

von Vu Tra My Nguyen

Deutschland war für mich ein „Ausland“, ein fremdes Land und das ist alles. Ich habe niemals in einem anderen Land außer Vietnam gewohnt. Trotzdem hatte ich vor meiner Einreise nach Deutschland keine besonderen Erwartungen gehabt, weil ich alles auf mich zu kommen lassen wollte. Meiner Meinung nach kann man  nur so in vollen Zügen und mit offenstem Herz etwas neues erleben. Und das ist gar nicht falsch. In jeder Sekunde, jeder Minute, jeder Stunde, an jedem Tag lerne ich etwas Neues in Deutschland. Deutschland erfüllt meine Jugend, und bringt mir bei, eine Erwachsene zu sein. Meine Entscheidung, nach Deutschland zu gehen und hier zu studieren, ist ein Wendepunkt meines Lebens. Es ist einfach so, weder schlimm noch schön, aber es macht mich zu der Person, die ich heute bin. 

Ich erinnere mich an den ersten Tag in Deutschland. Ich war so gespannt darauf, was ich Neues sehen und herausfinden würde, dass ich mich entschieden habe, allein in der Nähe spazieren zu gehen. Da ich schon ziemlich viele Erfahrungen beim Reisen gesammelt hatte, dachte ich, dass gar kein Problem auftauchen könnte. Aber nein. Ich bin verloren gegangen. Nach einem langen Weg mitten im Wald bei der Isar habe ich einen „Flohmarkt“ in der Mitte eines Clubs gefunden. Da gab es viele Häuser und der „Flohmarkt“ war in einem sehr dunklen, schmutzigen, unordentlichen und „creepy“ Haus mit nur einem Zimmer, in dem nur ein alter einsamer Mann mit großem Bart befand. Ich hatte große Angst und bin ganz schnell weggerannt. Ich wusste dann jedoch nicht, wie ich nach Hause kommen konnte. Glücklicherweise haben ein alter, aber cooler Motorradfahrer, auch mit viel Bart und eine alte, sehr süße Künstlerin mich gefragt, was ich da machte und mir den Weg mit dem Bus nach Hause gezeigt, obwohl ich auch gar nicht wusste, wo ich wohne. Ich habe lange Zeit nach diesem Tag erfahren, dass da ein Treffpunkt für Rentner und Rentnerinnen ist.

Da ich ein positiver Mensch bin, lasse ich mich nicht von irgendwelchem Geschehen nerven. Und da ich Geistes- und Sozialwissenschaft studiere, schätze ich die Zeit hier sehr, denn das Wissen, besonders über Kunst, Geschichte und Psychologie wird hier sehr ernst wahrgenommen, was ich als großen Unterschied zu meinem Heimatland empfinde. Die Zeit im Studienkolleg hat mir beigebracht, Kunst zu „fühlen“ und Geschichte „mitzuerleben“. Die Zeit und ich sind vergänglich, aber ich bin hier um meine eigene Geschichte zu bilden – gleichzeitig bin ich hier, als eine der Zeuge dieser vergänglichen Zeit von München. München und ich wachsen beide auf, beide verändern und entwickeln wir uns. Und jetzt bin ich stolz darauf, dass ich mich in München besser auskenne als viele Münchner und Münchnerinnen unter meinen Freunden. Und ich sage auch immer meinen vietnamesischen Freunden: München ist jetzt meine zweite Heimatstadt.

Trotz all dieser schönen Seiten bin ich es aber immer noch nicht gewöhnt, pünktlich zu sein. Wie unser Lehrer im Studienkolleg uns immer sagte: „Pünktlichkeit ist ein Fremdwort für euch“. Nach zwei Jahren kann ich mich diesbezüglich immer noch nicht ändern. Vielleicht wäre es besser, damit zu leben? 

Als Ausländerin habe ich hier in Deutschland auch ein paar interkulturelle Missverständnisse erlebt. Da Deutschland sehr international ist und hier viele Menschen aus der ganzen Welt wohnen, habe ich persönlich diese Missverständnisse jedoch nicht mit in Deutschland geborenen Menschen, sondern mit Menschen aus anderen Kulturkreisen erlebt. Es gab schon Situationen, in denen ich mich geärgert oder geweint habe. Ich sehe es trotzdem nicht als etwas Negatives. Nach jedem Erlebnis lernt man etwas Neues, und erkennt, wie man damit umgehen soll. Die Welt ist kompliziert, aber sie ist doch immer schön, auf die eine oder andere Art und Weise. 

Als Schlusswort bedanke ich mich für die bisherige Zeit in Deutschland. Alles ist ein Erlebnis, alles ist schön, und alles bildet mich aus und weiter. 

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